Beim Meinungsaustausch wurde Kritik nicht zurückgehalten. Foto: Schäfer

 

Gießener Anzeiger vom 21.03.2018, Seite 28

GIESSEN – (rsc). “Und wenn einer Platt im Handwerksbetrieb spricht, dann versteht er gar nichts mehr.” Dies war einer der kritischen Einwürfe beim Informationsgespräch über die Lage der Absolventen der sogenannten InteA-Klassen der beruflichen Schulen in Gießen, in die Flüchtlinge aus Stadt und Kreis mit Aufenthaltstitel sowie aus europäischen Staaten Zugewanderte im Alter von 16 bis unter 22 Jahre aufgenommen werden. Annette Greilich hatte als Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der Direktoren zum Austausch in die Wirtschaftsschule am Oswaldsgarten (WSO) eingeladen.

Gefolgt waren der Einladung neben Kerstin Gromes vom Staatlichen Schulamt mehrere Vertreter von Industrie- und Handelskammern (IHK) sowie Kreishandwerkskammer, von Arbeitsagentur und Jobcenter und Lehrer von WSO, Theodor-Litt- und Willy-Brandt-Schule. Von den eingeladenen Abgeordneten der fünf Parteien waren Gerhard Merz (SPD) sowie Wolfgang Greilich (FDP) anwesend. “Bedauerlich, dass aus dem Landtag nur zwei Parteien vertreten sind. Anstatt vor Ort mitzubekommen, was real funktionieren könne, werde später nur lamentiert”, so Annette Greilich.

Zwei bis zweieinhalb Jahre lang besuchen die Flüchtlinge die InteA-Klassen, um Deutsch zu lernen. Zum Abschluss folgt eine Deutschprüfung. Bei Bestehen werden den Absolventen Sprachkompetenzen auf den Stufen A2 (niedrig) oder B1 bescheinigt. Daran anschließen soll sich ein Langzeitpraktikum von zwei Monaten, um ein mögliches künftiges Arbeitsfeld kennenzulernen. Bezüglich diesem Punkt entpuppte sich das Einladungsschreiben als ein SOS-Funken. Doch der Hilfeschrei an die Wirtschaft, doch bitte allen 80 bis 100 Absolventen einen Langzeit-Praktikumsplatz zur Verfügung zu stellen, warf noch ganz andere Problematiken auf.

“Kennst du einen, der einen kennt, der bereit ist, einen Praktikanten zwei Monate lang aufzunehmen?”, sei die eine Seite. Auf der anderen wüsste der willige Arbeitgeber nicht, wer da zu ihm komme. Und ob dieser sprachlich zu integrieren sei. Auch wenn alle Mitarbeiter hochdeutsch sprächen: “Kann man das Funktionieren einer Kreissäge so erklären, dass es verstanden wird?”, fragte ein Teilnehmer. In der Runde folgte darauf jedoch kein Kopfnicken. Sofern die Kommunikation am Arbeitsplatz funktioniert, wird dies auch in der begleitenden Berufsschule der Fall sein.

In den InteA-Klassen sind viele Schüler, die in ihrer eigenen Heimatsprache nicht alphabetisiert sind. Für fast alle kommt zu der unbekannten Sprache dann erschwerend auch noch eine ihnen fremde Schrift hinzu. “Das kann nicht funktionieren, das ist praxisfern”, urteilte Annette Greilich. Praxisferne politische Entscheidungen kennt Gerhard Merz leidvoll aus seinem Politikeralltag: “Wenn einer von uns im Seltersweg etwas aufschnappt, wird es oft eins zu eins von den Abgeordneten abgenickt.” Wie müssten also die staatlichen Vorgaben – zwei Jahre Deutschkurs, Prüfung, Langzeitpraktikum, Arbeitsmarkt – verändert werden, um ein Erfolgsmodell zu kreieren?

Als erste Änderung wird von den Beteiligten die Flexibilisierung bezüglich der Schulzeit gesehen, um bessere Deutschkenntnisse wachsen zu lassen. Und wenn das Langzeitpraktikum in Zwei-Wochenpraktika aufgeteilt werden würde, könnten die Schüler auch gleich in mehrere Berufsfelder hineinriechen. Dies führe zu einer besseren Berufsorientierung. Die Berufsbilder in der Heimat der Schüler, etwa Afghanistan, Syrien, Irak oder Somalia, sähen allerdings oft völlig anders aus. Als Fazit der Runde wurde konstatiert, dass Schüler nicht an vorgegebene Maßnahmen angepasst, nicht in starre Korsette eingezwängt werden sollten. Umgekehrt müsse es jedoch geschehen. Nur dann könnten die InteA-Klassen ein Erfolgsmodell werden.