Sind an der Brüder-Grimm-Schule nicht nur sprachlich durchgestartet: die Zwillinge Hassan (l.) und Abdul (im Hintergrund Stufenleiter Samuel Karbe). (Foto: Schepp)

Gießener Allgemeine Zeitung vom 17.06.2018, Seite 22

von Armin Pfannmüller

Als am Freitagabend an der Brüder-Grimm-Schule rund 100 Schüler feierlich verabschiedet wurden, waren auch 43 Jugendliche mit einer Zugangsberechtigung zur Oberstufe dabei. Zwei dieser Schüler hatten einen ganz besonderen Grund zum Feiern: Hassan und Abdul haben vor zwei Jahren noch kein Wort Deutsch gesprochen.
Normalerweise besuchen junge Flüchtlinge, Spätaussiedler und Zuwanderer zwei Jahre lang sogenannte InteA-Klassen, um vor allem in Sachen Spracherwerb gefördert zu werden. Für etliche Schüler sind zwei Jahre im Konzept InteA (Integration durch Abschluss und Anschluss) zu wenig, um die deutsche Sprache einigermaßen zu beherrschen. Ganz anders sieht das bei Hassan und Abdul aus. Die Zwillinge kamen Ende September 2016 aus Syrien und sprachen kein Wort Deutsch. Zwei Monate nach der Ankunft in der Erstaufnahmestelle Rödgener Straße begannen sie, in einer Intensivklasse an der Wirtschaftsschule am Oswaldsgarten (WSO) Deutsch zu lernen. »Am Anfang war es sehr schwer«, erinnert sich Hassan an die ersten Wochen und Monate in Gießen.

Doch beide waren hochmotiviert, sich nicht nur mit der für sie fremden Sprache, sondern auch in der neuen Umgebung zurechtzufinden. »Wir wollten uns mit Deutschen unterhalten«, berichten die beiden 17-Jährigen. In den kommenden Monaten machten nicht nur die Deutschkenntnisse der beiden enorme Fortschritte, auch in den übrigen Fächern ging es rasant aufwärts. Die Folge: Am Ende des Schuljahrs meldet sich Dr. Ralf Siebert bei Samuel Karbe. »Wir haben zwei auffällig fitte Schüler. Die beiden wollen und sie können«, erklärt der InteA-Koordinator der WSO dem Stufenleiter der Jahrgänge 9 und 10 an der BGS. Dass Abdul und Hassan auch an der integrierten Gesamtschule schnell Fuß fassen, davon kann sich Karbe nach den Sommerferien selbst überzeugen.

Auch in Kleinlinden ist der Start nicht einfach. »Die Lehrer haben viel zu schnell gesprochen«, erinnert sich Abdul. Dank ihrer Einstellung sowie der Unterstützung von Mitschülern und Lehrkräften gehören die beiden schnell zu den Leistungsträgern der Klasse. »Wir wollen nicht mit Samthandschuhen angefasst, sondern ganz normal behandelt werden«, sagen die jungen Syrer, die in ihrer Heimatstadt, der Rebellenhochburg Homs, mehrfach mit den grausamen Begleitumständen des Krieges in Berührung gekommen sind. Dass einige ihrer Mitschüler in der InteA-Klasse nicht besonders motiviert waren, können sie nicht nachvollziehen. »Wir dürfen in dieser Gesellschaft leben. Und weil das so ist, wollen wir auch etwas zurückgeben.« Um in der Schule weiterzukommen, dürfe man sich nicht abkapseln. Vielmehr gelte es, gezielt mit den deutschen Mitschülern Kontakt aufzunehmen. »Wenn man das will, dann schafft man das auch.« Stolz können die beiden auf ihren qualifizierenden Realschulabschluss sein. Den haben sie mit einem Notenschnitt von 2,2 mit Bravour geschafft.

Jetzt soll der Weg bis zum Abitur führen. Nach den Sommerferien werden Hassan und Abdul die elfte Klasse der Gesamtschule Gießen-Ost besuchen. Auch dort wollen sie das sein, was sie in der Vergangenheit mehrfach unter Beweis gestellt haben: ein Beispiel für gelungene – und in ihrem Fall doppelte – Integration.