Dass Jugendliche aus aller Welt an der WSO unterrichtet werden, demonstriert Abteilungsleiter Ralf Siebert. (Foto: Schepp)


Gießener Allgemeine Zeitung vom 20. Februar 2018, Seite 24

Die Wirtschaftsschule am Oswaldsgarten gehört seit 2014 zu den drei hessischen Pilotstandorten, an denen das Land InteA (Integration durch Abschluss und Anschluss) erprobt. Das Konzept möchte junge Flüchtlinge vor allem beim Spracherwerb fördern. Dass Experten hier großen Verbesserungsbedarf sehen, sagt InteA-Koordinator Ralf Siebert von der WSO.

von Armin Pfannmüller

Herr Dr. Siebert, Sie haben vor Kurzem zusammen mit weiteren InteA-Fachkräften zum Gespräch über »Hürden und Perspektiven für geflüchtete Menschen« eingeladen. Was ist dabei herausgekommen?

Ralf Siebert: InteA war eine notwendige und wichtige Maßnahme, als kurzfristig Schulplätze für geflüchtete junge Menschen geschaffen werden mussten. In einigen Punkten muss aber dringend nachgebessert werden.

Wo muss es aus Ihrer Sicht Verbesserungen geben?

Siebert: Die Strukturen im InteA-Bereich sind grundsätzlich in Ordnung. Allerdings ist der Faktor Zeit problematisch. Mit der Erwartungshaltung »Ein Abschluss muss doch in zwei Jahren zu schaffen sein« wird man den jungen Flüchtlingen nicht gerecht. Die Jugendlichen, die an unsere Schule kommen, sind motiviert und lernwillig, aber sie haben zum Teil problembeladene Biografien.

Welche Veränderung würde den jungen Leuten helfen?

Siebert: Wir brauchen mehr Zeit für die angemessene Sprachreife und Integration. Nur etwa drei Prozent unserer InteA-Schüler haben eine Bildungsbiografie, die es ihnen erlaubt, rasch die deutsche Sprache zu lernen und ins Schul- oder Ausbildungssystem überzugehen. Die Übrigen, also der Großteil mit mehrheitlich geringerer Schulbildung, sollen in zwei Jahren nicht nur eine fremde Sprache erlernen, sondern das Deutsche Sprachdiplom und im günstigsten Fall den Haupt- oder gar Realschulabschluss erwerben.

Und das schaffen viele nicht?

Siebert: Der Zeitdruck arbeitet hier deutlich gegen die jungen Leute. An unserer Schule erreichen pro Jahr im Schnitt 10 bis 15 von etwa 190 Schülern den Hauptschulabschluss und haben dann immer noch mit Sprachschwierigkeiten zu kämpfen.

Was wäre aus Ihrer Sicht ein angemessener Gesamtzeitraum für den Schulbesuch junger Flüchtlinge?

Siebert: Die gesamte Schulzeit der InteA-Klassen sollte auf mindestens vier Jahre verlängert und Pflichtpraktika in die Schulzeit integriert werden. Wenn man bei Null anfängt, braucht man ganz sicher vier bis sechs Jahre, um in einer Ausbildungssituation mit einem Muttersprachler »konkurrieren« zu können.

Wie stehen die Chancen Ihrer Absolventen auf einen Ausbildungsplatz?

Siebert: Hier kommt ein weiteres Problem hinzu, das die Politik dringend zu lösen hat. Während der Phase des Schulbesuchs muss eine Aufenthaltssicherung für die jungen Menschen gewährleistet sein, so wie es während einer Ausbildung der Fall ist. Im Falle einer Ausbildung wird die sogenannte Ausbildungsduldung gewährt.

Und diese Bleibegewissheit gibt es während der Schulzeit nicht?

Siebert: So ist es. Deshalb entscheiden sich InteA-Schüler mit ungewisser Bleibeperspektive oft voreilig für eine Ausbildung zum Zweck der Aufenthaltssicherung, obwohl sie dafür noch nicht reif sind, und brechen den InteA-Unterricht ab.

Was können Sie als Schule dagegen tun?

Siebert: Keine Schule und keine Alternative kann so gut sein, um diese Problematik aufzuheben. Die Folge ist häufig, dass die Ausbildung die jungen Azubis vor große Herausforderungen stellt. Insbesondere fehlende Sprachkenntnisse führen in der Folge häufig zu Schwierigkeiten in der Berufsschule und im Ausbildungsbetrieb.

Apropos jung. Sie setzen sich seit Jahren dafür ein, dass die Altersgrenze für den Schulbesuch von Jugendlichen und jungen Erwachsenen angehoben wird.

Siebert: Das ist richtig. Für über 20-Jährige gibt es im normalen Schulsystem keine Förderung. Wir setzen uns für eine Erhöhung der Altersgrenze auf 27 Jahre ein, damit mehr Geflüchtete die Chance auf einen Hauptschulabschluss erhalten.